Ringvorlesung »In die Walachei« WS 2025-2026
GWZO-Ringvorlesung 2025/26
»In die Walachei…« Eine Veranstaltungsreihe zur modernen Geschichte und Kultur Rumäniens
»In die Walachei...« – die meist negativ konnotierte Redewendung steht oft für das Abgelegene und Unbekannte. Doch wer weiß tatsächlich, dass es sich dabei um eine südrumänische Region handelt – und wie sieht es mit Geschichte und Kultur des gesamten Landes aus? Die Ringvorlesung des GWZO lädt dazu ein, Rumänien jenseits gängiger Klischees zu entdecken. Unsere Expert*innen führen in Lesungen, Filmen und Vorträgen durch ein nicht nur aktuell vielbeachtetes Land Europas: Sie berichten von Aufbruch und Modernität, von Herkunft und Glaube, Erinnerung und Gewalt, Vergangenheit und Gegenwart. Bine ați venit!
Beginn: 22. Oktober 2025, 17:00 Uhr im GWZO
Detailprogramm
22. Oktober 2025, 17 Uhr, GWZO, Reichsstraße 4-6, 4. Stock
»Aufbruch« – Kindheiten und das Paradies ohne einen Schlüssel. Lesung und Gespräch
Zum Auftakt der diesjährigen Ringvorlesung des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) lesen Alexandru Bulucz (»Was Petersilie über die Seele weiß«. Gedichte, Schöffling & Co 2020 und »Stundenholz«. Gedichte, Schöffling & Co 2024) und unsere GWZO-Kollegin Dorothee Riese (»Wir sind hier für die Stille«. Roman, Berlin Verlag 2024) aus ihren Texten. Gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Dr. Stephan Krause (GWZO) sprechen sie über das Schreiben zwischen Rumänien und Deutschland, über Kindheiten und das Paradies.
12. November 2025, 17 Uhr, GWZO, Reichsstraße 4-6, 4. Stock
»Modernität« – Between Bauhaus and Bucharest: Transnational Design and Consumer Cultures in Interwar Romania (Vortrag auf Englisch)
In den 1920er- und 1930er-Jahren veränderten die Modernisierung und neue Konsumgewohnheiten das Leben und den öffentliche Raum Rumäniens. Besonders galt dies für die Hauptstadt Bukarest. In ihrem Vortrag beschäftigt sich die Kunsthistorikerin Dr. Alexandra Chiriac mit internationalen Netzwerken und der Frage, wie Avantgarde-Künstler*innen Ideen für Kunst und Design entwickelten, und diese mit modernen, kommerziellen Praktiken verbanden.
26. November 2025, 17 Uhr, GWZO, Reichsstraße 4-6, 4. Stock
»Herkünfte« – Die Vorfahren wechseln? Transnationale Überlegungen zur ethnischen Zugehörigkeit am Beispiel Rumäniens (Vortrag auf Deutsch)
Unter welchen Bedingungen konnte sich ein »Banater Schwabe« zu einem »Banater Franzosen« erklären? Und was machte aus einem »Deutschen« einen »Juden«? Am Beispiel der Geschichte der Deutschsprachigen in Rumänien im 20. Jahrhundert geht der Germanist und Historiker Dr. Pierre de Trégomain der Frage nach, wie flexibel die scheinbar alternativlose Zugehörigkeit zu einer Abstammungsgemeinschaft war – und nimmt dabei besonders die Praxis ethno-nationaler Kategorisierung nach Abstammung in den Blick.
14. Januar 2026, 17 Uhr, GWZO, Reichsstraße 4–6, 4. Stock
»Gewalt« – Der Holocaust in Rumänien. Internationale Wahrnehmungen und jüdische Reaktionen (Vortrag auf Deutsch)
Die Geschichte Rumäniens zwischen 1938 und 1944 bildet ein eigenes, noch immer wenig bekanntes Kapitel der Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden in Europa. In ihrem Vortrag präsentiert die Historikerin Dr. Gaëlle Fisher Ergebnisse ihrer Forschung zu den Wahrnehmungen antijüdischer Gewalt in Rumänien und den vielfältigen Reaktionen der jüdischen Bevölkerung und ihren Funktionsträgern auf Verfolgung und Massenmord. Dabei werden die Besonderheiten, aber auch die dezidiert transnationalen Dimensionen der Ereignisse auf neue Weise herausgearbeitet.
21. Januar 2026, 17 Uhr, GWZO, Reichsstraße 4–6, 4. Stock
»Glaube« – According to Their Need: Left-Wing Ideals and Pragmatic Action among the First Women MPs in Romania (1946–1948) (Vortrag in englischer Sprache)
Im Jahr 1947 hatte das rumänische Parlament 17 weibliche Abgeordnete – eine große Gruppe einflussreicher Politikerinnen mit linksgerichteten oder radikal linken Überzeugungen. Der Vortrag der Historikerin Dr. Alexandra Ghiț nimmt die Überzeugungen, Handlungen und Erinnerungen der Mitglieder dieser ersten Politikerinnen-Generation in den Blick. Wofür kämpften sie, wo gingen sie Kompromisse ein? Was lehrt uns ihre Geschichte darüber, wie die Geschlechterpolitik die (Neu-)Verteilung beeinflusst?
4. Februar 2026, 19:30 Uhr, Ort: Cinémathèque Leipzig e.V., Karl-Liebknecht-Straße 109
Filmvorführung: Trei kilometri până la capătul lumii (»Drei Kilometer bis zum Ende der Welt«, Regie: Emanuel Pârvu, 2024, Original mit deutschem Untertitel). Moderation: Dr. Beata Hock
Adi verbringt den Sommer vor dem Studium in seinem Heimatdorf im rumänischen Donaudelta, eingebettet in eindrücklich schöne Landschaft. In einer Nacht wird er Opfer eines homophoben Anschlags. Doch nicht die Täter werden bestraft, sondern Adi selbst. Seine Eltern sperren ihn ein. Ihm soll vom Priester der Teufel ausgetrieben werden. Die örtliche Polizei bleibt passiv und schweigt.
Emanuel Pârvus Coming-of-Age-Drama – gelaufen auch im Wettbewerb in Cannes – über Ausgrenzung und Gewalt und Liebe und Freiheit zeigt einen jungen Mann, der sich Homophobie, korrupten Verhältnissen und religiöser Verblendung gegenübersieht.
11. März 2026, 19:30 Uhr, Ort: Cinémathèque Leipzig e.V., Karl-Liebknecht-Straße 109
Filmvorführung: »Boss« (Regie: Bogdan Mirică, 2022, Original mit englischem Untertitel) (Moderation: Dr. Stephan Krause)
Bogdan ist Fahrer eines Rettungswagens in Bukarest. Mit drei anderen Männern, die er jedoch kaum kennt, beteiligt er sich an einem bewaffneten Raubüberfall, fährt das Fluchtfahrzeug und verletzt dabei den einzigen Zeugen. Dieser stirbt unter mysteriösen Umständen. Bogdan muss annehmen, einer seiner Komplizen habe die Ermittlungen der Polizei manipuliert. Er beginnt, die Identitäten seiner Komplizen aufzudecken. Darunter beginnen gar seine persönlichen Beziehungen leiden…
Miricăs »Boss« ist ein teils düsterer, aber stilistisch klarer Thriller mit prägnant gezeichneten Figuren – ein packendes Beispiel rumänischen Neo-Noir-Kinos.
Oskar-Halecki-Vorlesung (Jahresvorlesung des GWZO)
Dienstag, 31. März 2025, 17 Uhr, GWZO, Reichsstraße 4-6, 4. Stock
»Entwirrung« – Unequal Romanias. Moderne an der Schnittstelle von Kolonialität und Interimperialität, Prof. Dr. Manuela Boatcă, Freiburg (Vortrag auf Deutsch)
Gemäß seiner Selbstdefinition war der 1859 gegründete, moderne rumänische Staat eine Fortsetzung der Romania, des lateinischsprachigen Territoriums des Römischen Reiches. Auch in Österreich-Ungarn übernahm das rumänische nationale Narrativ in Siebenbürgen die klassizistische, okzidentalistische longue durée der römischen Imperialität und bekräftigte seine Verwandtschaft mit der Wiege europäischer romanischer Sprachen. Ähnlich wie »die Neue Romania«, als welche Lateinamerika bekannt war, schaffte es diese Romania jedoch nie wirklich in den abendländischen Klub europäischer Latinität, die zunehmend dem westlichen Christentum vorbehalten war. Anhand dieses historischen und linguistischen Nexus macht Manuela Boatcă die Konkurrenz von Kolonialität und Interimperialität auf dem Territorium des heutigen Rumäniens deutlich und widmet sich transimperialen Verhandlungen in einem Weltsystem, das zunehmend von westeuropäischen Kolonialmächten beherrscht wurde.