Edward, Okoń. My i wojna. Ölgemelde 1917-1923
Edward Okuń. My i wojna. Ölgemälde, 1917-23, © Muzeum Narodowe w Warszawie

Fünf zentrale Perspektiven

Die 2019 eingeführten Leitthemen, über die die Arbeit in den Abteilungen und Nachwuchsgruppen aufeinander bezogen sind, werden derzeit grundlegend weiterentwickelt. Im November 2021 wurde zu jedem Leitthema eine Arbeitsgruppe zur theoretischen und methodischen Reflektion gebildet. Im Anschluss daran soll die Forschungsagenda des GWZO künftig auf die folgenden fünf zentralen Perspektiven hin orientiert werden. Diese neuen Perspektiven treten zukünftig an die Stelle der bisherigen Leitthemen. Sie werden ebenfalls stetig inhaltlich weiterentwickelt.

1. Genese und Transformation von Wissen

Neuausrichtung des Leitthemas »Produktion und Zirkulation von Wissen« in Anknüpfung an aktuelle Problemstellungen (etwa nationalistisch aufgeladenes Wissen, Wissensproduktion in migrantischen Bevölkerungen, Wissen und Populismus), Beschäftigung mit Historisierung, Theoretisierung und Etablierung von Praxismodulen der Laien- und Bürgerwissenschaft sowie mit der Relevanz von Wissen über die Vergangenheit für Gesellschaften, Verstärkung interdisziplinärer Arbeiten mit naturwissenschaftlichen Disziplinen, Medizin- und Umweltgeschichte

In mehreren Abteilungen und in den Nachwuchsforschungsgruppen werden Projekte verfolgt, die sich mit der Genese und Transformation von Wissen auseinandersetzen, womit eines der zentralen Leitthemen (»Produktion und Zirkulation von Wissen«) neu ausgerichtet und an aktuelle gesellschaftliche Problemstellungen in unterschiedlichen Tiefendimensionen angeknüpft wird.
Zu den wesentlichen Neuerungen wird die Frage nach Historisierung, Theoretisierung und Etablierung von Praxismodulen der Laien- und Bürgerwissenschaft in der Geschichte des östlichen Europa sein. Dies soll vor allem in der aufzubauenden Außenstelle »leibniz GWZO prague« geschehen, aber auch der kommende interdisziplinäre Antrag im Leibniz-Wettbewerb widmet sich diesen Fragen.
Eine verbindende Fragestellung zahlreicher Forschungsthemen am GWZO ist, welches Wissen über Vergangenheit für Gesellschaften relevant ist und in welchen Selbstverständigungsdebatten unterschiedlicher Gruppen dieses aktiviert wird (Leibniz-Forschungsverbund »Wert der Vergangenheit«). Sie liegt mehreren zukunftsweisenden Anträgen zugrunde, die Populärkultur und Erfahrungsgeschichte deutlich stärker als bislang berücksichtigen und wird auch mit Bezug zu einer Public Archaeology zwischen Archäologie und Zeitgeschichte kontinuierlich weiterentwickelt.
Fortgesetzt wird die in Archäologie und Mediävistik bereits stark ausgebaute Zusammenarbeit mit naturwissenschaftlichen Disziplinen. In diese Richtung weisen weitere Initiativen zur transnationalen Verflechtungsgeschichte der Geo- und Biowissenschaften mit dem Ziel, Naturgeschichte und Kulturgeschichte wissenschaftshistorisch zusammenzudenken.

2. Ge- und Umgestaltung sowie Imagination von Raum

Weiterverfolgung der Aktivitäten im Leibniz-Forschungsnetzwerk »Wissen für nachhaltige Entwicklung« (etwa bei der Untersuchung von Transformationen von Bergbaulandschaften), Neuperspektivierung der Leitthemen »Regionalisierungen und Transregionalisierungen« und »Mobilitäten und Verortungen« durch eine neue abteilungsübergreifende Fragestellung zur Infrastrukturgeschichte des Wassers und der Wasserwirtschaft mit dem längerfristigen Ziel, ein Innovative Training Network zum Thema anzustoßen, Beschäftigung mit Raumerfahrungen und sensorischen Dimensionen von Stadt- und Naturraum.

Dieses traditionell starke Thema am GWZO wird mit neuen, unterschiedlichen Fokussen bearbeitet. Begonnene Forschungsschwerpunkte und Vernetzungen zur Ressourcennutzung werden fortgesetzt, wobei als ein wichtiger Ort der außerinstitutionellen Vernetzung das Leibniz-Forschungsnetzwerk »Wissen für nachhaltige Entwicklung« (LFN Sustain) zu nennen ist, in dem die Untersuchungen aus dem GWZO für ökologische Raumplanung und Nachhaltigkeitsforschung nutzbar gemacht werden können. Wie sich Landschaften unter dem Eindruck der Ressourcennutzung veränderten, verbindet mehrere Forschungsthemen, die von der Spätantike bis zur Gegenwart reichen und die nach dem Wandel von Natur- und Kulturlandschaften durch Ressourcennutzung fragen. Geplante Projekte
untersuchen die Transformation von Bergbaulandschaften der jüngeren Gegenwart.
Als Querschnittsthema des Hauses wird die Infrastrukturgeschichte des Wassers bzw. der Wasserwirtschaft hinterlegt. An der Schnittstelle von Umwelt-, Infrastruktur- und Wirtschaftsgeschichte werden künstliche Wasserwege (grenzüberschreitende Kanäle und Schiffbarmachungen von Flüssen) sowie Wassernutzung allgemein im östlichen Europa das verbindende Thema sein.
Die kulturelle Prägekraft von Raumgestaltung wird auch weiterhin eine wichtige Fragestellung sein. Eine perspektivische Neuerung verspricht die geplante Beschäftigung mit Raumerfahrungen und die Zuwendung zur sensorischen Dimension von Stadt- und Naturraum.

3. Praktiken des Wirtschaftens

Verschränkung bestehender wirtschaftshistorischer Forschungen mit Sozial- und Alltagsgeschichte von Wirtschaft unter Einbezug von Klein- und Kunstgewerbe sowie der ökonomischen Seite erinnerungskultureller Phänomene, Untersuchung der Kategorie ‚Geschlecht‘ in der Arbeits- und Wirtschaftsgeschichte (dabei Weiterentwicklung des Leitthemas »Kulturwandel und Gesellschaftsordnung«).

Zusammengeführt und im GWZO neu perspektiviert werden Fragen zu den Praktiken des Wirtschaftens. Die bisher vorrangig makroökonomische Prozesse und wirtschaftspolitisches Handeln analysierenden wirtschaftshistorischen Forschungen in der Abteilung »Verflechtung und Globalisierung« werden dialogisch verschränkt mit stärker werdenden Interessen an einer Sozial- und Alltagsgeschichte von Wirtschaft, die auch Kleingewerbe, Kunstgewerbe und die ökonomische Seite erinnerungskultureller Phänomene und Prozesse umfasst (Leibniz-Forschungsverbund »Wert der Vergangenheit«).
Zudem soll schrittweise die Kategorie »Geschlecht« im Feld der Arbeits- und Wirtschaftsgeschichte gestärkt werden.

4. Globalgeschichte als epochenübergreifendes Profil

Epochenübergreifende Ausweitung der Forschung zur globalhistorisch eingebetteten Geschichte des östlichen Europa mit verstärktem Blick in andere Weltregionen (z. B. auf den russländischen/sowjetischen Raum und die Mobilitätsgeschichte der Armenier*innen im östlichen Europa von der frühen Neuzeit bis in die jüngste Zeitgeschichte, dabei Weiterentwicklung des Leitthemas »Mobilitäten und Verortungen«).

Für die Weiterentwicklung des Instituts wird die globalhistorisch eingebettete Geschichte des östlichen Europa – bislang vor allem in der Moderne stark – als epochenübergreifendes Profil hinterlegt. Darüber hinaus wird das GWZO weiterhin zu den konzeptionellen Grundlagen einer Globalgeschichte Osteuropas arbeiten, die eine stärkere Verankerung der Geschichte des östlichen Europa im Fach Geschichte zum Ziel hat, konzeptionelle Angebote für andere Area Studies bereithalten und zudem im Institut die Beschäftigung mit dem Leitthema »Regionalisierungen und Transregionalisierungen« aus einer globalhistorischen Perspektive voranbringen möchte.

5. »Nach der Gewalt«

Geplante abteilungsübergreifende Forschungen zur Frage nach der Beendigung von kriegerischer Gewalt und anschließenden innergesellschaftlichen Transformationen von Gewalt unter Zusammenführung bestehender Themenschwerpunkte zu Völkerrecht, Beutekunst, Umgang mit Kulturerbe in Postkonfliktsituationen und Friedensschlüssen.

Zu einem langfristig zu entwickelnden Querschnittsthema des Hauses werden Fragen nach der Beendigung von (kriegerischer) Gewalt und den darauffolgenden innergesellschaftlichen Transformationen von Gewalt in verschiedenen Gemeinschaften in unterschiedlichen Zeiten entwickelt (Arbeitstitel »Nach der Gewalt«). Hierzu sollen in den kommenden Jahren etablierte Themenschwerpunkte des GWZO im Bereich des Völkerrechts, der Beutekunst (Bellum et Artes) und des Umgangs mit Kulturerbe in Postkonfliktsituationen, der Friedensschlüsse (aktuelles Buchprojekt der Abteilung »Mensch und Umwelt«) und der ostmitteleuropäischen Monarchien des Spätmittelalters als stabilisierende Faktoren nach Dynastiewechseln (Geschichte und Kunstgeschichte des Mittelalters) zusammengeführt werden und vor allem in Hinblick auf das Nachwirken von Gewalt und das innergesellschaftliche Weiterwirken von Gewalterfahrungen neu perspektiviert werden.